Lernt Deutsch mit Berlin!

Nur wenn sich Deutsche und Franzosen verständigen können, kann die freundschaftliche Verbindung über die Generationen hinweg weiter gepflegt werden. Ein Aufruf.

Paris, im Herzen von Saint-Germain, im Schaufenster der Buchhandlung La Hune, die an die Stelle von Le Divan getreten ist, wo sich einst die Surrealisten trafen, sind gut sichtbar zwei Bücher über Berlin ausgestellt, „Berlin sera peut-être un jour“ (Berlin wird vielleicht einmal sein) von Christian Prigent und „Berliner Ensemble“ von Cécile Wajsbrot. Auf meine Nachfrage höre ich, dass bereits alle Exemplare verkauft seien, und so erstehe ich die von der Sonne erwärmten Bücher aus dem Schaufenster. „Rue les lignes“ heißt die Reihe, die von der französischen Buchhandlung Zadig in Berlin herausgegeben wird.

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von französischen Berlin-Romanen, denn die deutsche Hauptstadt hat einen neuen Stadtmythos generiert, der den von Paris fortzuschreiben scheint. Berlin fasziniert französische Autoren und junge Franzosen gleichermaßen. Klagten Mme de Staël und Chateaubriand bei ihren Besuchen in Berlin über eine geschichtslose Sandwüste, der es an intellektueller Geselligkeit mangele, so ist Berlin jetzt aufgrund seiner Geschichte, seiner Stellung zwischen Ost und West, seiner lebendigen Kultur und Frische ein magischer Anziehungspunkt.

Cécile Wajsbrot und Marie NDiaye, Camille de Toledo und die Cutterin Mathilde Bonnefoy, deren von ihr mitproduzierter und geschnittener Film „Citizenfour“ gerade den Oscar für die beste Dokumentation erhielt – sie alle leben und arbeiten in Berlin. War für junge Franzosen vor einigen Jahren die deutsche Band Tokio Hotel ein Grund, Deutsch zu lernen – „Apprendre l’allemand avec Tokio Hotel“ (Lernt Deutsch mit Tokio Hotel) heißt ein französisches Lehrbuch –, so ist Berlin die neue Attraktion.

Französische Schulklassen besuchen die Stadt und erleben das Deutsche nicht als schwierige Sprache, sondern als Schlüssel zu einer Jugend und Kultur gegenüber aufgeschlossenen Stadt. „Apprendre la langue qui se parle à Berlin“ wäre ein guter Titel für ein neues Lehrbuch. Denn junge Franzosen sind am Deutschen interessiert.

Dies zeigt auch die rasante Entwicklung des Verbunds „Deutsch-Französische Hochschule“ (DFH). Der Reiz dieser von der deutschen und der französischen Regierung getragenen Institution besteht darin, dass deutsche und französische Studierende gemeinsam ihr Studium in Deutschland und Frankreich absolvieren, um ein französisches und ein deutsches Diplom zu erhalten. Wurden 2010 noch rund 5000 Studierende durch die DFH gefördert, so sind es jetzt bereits 6300. Auch die Zahl der Mitgliedshochschulen ist von 128 im Jahr 2010 auf jetzt 176 gestiegen. Darüber hinaus konnte die DFH im vergangenen Jahr fast 5000 junge Wissenschaftler zusammenführen.

Gerade hat der Deutsch-Französische Ministerrat beschlossen, die Angebote der DFH auszubauen, und den Willen bekundet, „sich dafür einzusetzen, dass die Zahl der Studierenden, der Doktoranden und Doktorandinnen sowie der jungen Forscherinnen und Forscher bis zum Jahr 2020 stetig zunimmt“. Dies ist jedoch nur möglich, wenn der Deutsch- beziehungsweise der Französischunterricht die Voraussetzungen für ein Studium im jeweiligen Nachbarland schafft.

Es bedarf steter Förderung der Bereitschaft von Schülern, sich einem anderen Land zuzuwenden. In Deutschland ist die Konzeption des Fremdsprachenunterrichts Ländersache, jedes Land verfolgt dabei eine andere Strategie, was hierzulande schon zu heftigen Debatten geführt hat.

Der Französischunterricht wird immer wieder in Frage gestellt, und Französischlehrer und das Fach Romanistik müssen um ihre Existenz kämpfen. Das Saarland bildet mit seiner Frankreich-Strategie, die den entsprechenden Sprachunterricht vom Kindergarten über die Grundschule bis zu den weiterführenden Schulen flächendeckend einführt, eine große Ausnahme.

In Frankreich wird Deutsch als wichtige Fremdsprache anerkannt, in der beruflichen Ausbildung genießt es einen größeren Stellenwert, und die Zahl der Deutschlehrer steigt. Von französischer Regierungsseite wird versichert, dass vom nächsten Jahr an auch Deutsch als erste Fremdsprache in französischen Grundschulen angeboten werden soll. Das wäre eine große Chance, denn dort würden die Kinder das Deutsche nicht als elitär erleben, sondern könnten die Sprache gemeinsam spielerisch erlernen.

Umso wichtiger erscheint es dann, Deutsch auch in den weiterführenden französischen Schulen nachhaltig zu fördern, statt, wie in der vieldiskutierten Reform der Collèges geplant, dessen Unterricht in den beliebten bilingualen und Europa-Klassen fast aller Regionen Frankreichs in Frage zu stellen. Schülern und Schülerinnen mit guten Deutsch- beziehungsweise Französischkenntnissen eröffnen sich viele Perspektiven.

Das Deutsch-Französische Jugendwerk unterstützt den Austausch von Schülern, das Deutsch-Französische Sekretariat hilft bei der Vermittlung von Lehrstellen im Nachbarland, und die Deutsch-Französische Hochschule garantiert eine binationale Hochschulausbildung, die ihre Absolventen erfolgreich auf den europäischen Arbeitsmarkt vorbereitet. Siebzig Prozent ihrer Absolventen finden innerhalb von drei Monaten eine Stelle – ein gutes Argument für frühes und nachhaltiges Erlernen der Sprache des Nachbarn, der zugleich der wichtigste Handelspartner ist.

Seit 1963 verfolgen unsere beiden durch dunkle Zeiten gegangenen Länder ein ambitioniertes Ziel. Sie streben eine einzigartige und tiefgreifende Kooperation an, um nationale Antagonismen zu überwinden und eine gemeinsame europäische Zukunft zu gestalten. Dies kann nur auf der Basis einer vertieften Bereitschaft zum Verstehen geschehen, deren Voraussetzung das Beherrschen der Sprache des Nachbarn ist.

Damit sich die freundschaftliche Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland von Generation zu Generation immer wieder erneuert, ist das Beherrschen der jeweils anderen Sprache unabdingbar. Hier reichen weder die Vor- oder Ersatzmünder von Übersetzern und Dolmetschern noch das Englische als bequemes Passepartout.

Die intensive Diskussion, die in Deutschland und in Frankreich als Resonanz auf die geplante französische Reform entstanden ist, zeigt, dass die Öffentlichkeit beider Länder dem Erlernen der Sprache des jeweiligen Nachbarn einen großen Stellenwert einräumt. Diese Chance muss genutzt werden.

Der gleiche Text erschien in gekürzter Fassung im FIGARO am 30.4.15

Patricia Oster-Stierle