Der Theaterregisseur und Menschenkenner Luc Bondy ist tot.

Er starb mit 67 Jahren. Seine Karriere begann am Thalia Theater.

Hamburg.  Kein Regisseur konnte so schwebende Figuren, so filigrane, tief im Inneren verwurzelte Emotionen und Absichten im Theater aufleuchten lassen wie er. „Ich beschäftige mich auf der Bühne damit, wie Menschen zueinander sind“, hat Luc Bondy in einem Interview einmal gesagt. Und so war’s. Bondy ergründete alles, was zwischen Menschen passierte. Vor allem, wenn es sich um Liebe und Leidenschaft handelte, um Verführung, denn Luc Bondy war selbst ein passionierter Verführer, ein kleiner großer Mann, der das Spiel liebte und das Leben. Das Leben, das ihn früh mit Krankheiten gezeichnet hatte, mit Krebs und Diabetes, Rückenleiden, Infektionen, Arthrose und häufigen Schmerzen. All dem begegnete er mit Charme und Heiterkeit. „Ich war 25 Jahre alt, als ich zum ersten Mal eine Krebsdiagnose bekam. Wenn ich etwas erzählen möchte, dann davon, wie man es trotzdem immer wieder schafft, doch weiterzumachen“, hat Bondy gesagt. Er überlebte mit der Kunst, mit Literatur und Theater, seine Autoren hießen Tschechow, Marivaux und Molière, Beckett, Gombrowicz, Schnitzler, Handke, Botho Strauß und Yasmina Reza. Jetzt ist Luc Bondy im Alter von 67 Jahren in seiner Geburtsstadt Zürich gestorben.

Luc Bondy war sicher der größte Menschenkenner, über den das Theater in den vergangenen Jahrzehnten verfügte. Im Theater suchte und fand er Dynamik, Spannung, Elektrizität. Er hat mit allen bedeutenden Schauspielern und Sängern seiner Generation gearbeitet, in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, den USA. Dazu zählen Michel Piccoli, Gert Voss, Jutta Lampe, Edith Clever, Otto Sander, Johanna Wokalek, Isabelle Huppert. Begonnen hat Bondys beachtliche Karriere in Hamburg am Thalia Theater. Dorthin kam der quirlige Sohn des Publizisten François Bondy 1969. Luc war Legastheniker, hatte mehrfach Klassen in Internaten wiederholt und in Paris eine Ausbildung beim Pantomimen Jacques Lecoq begonnen. Die Eltern, jüdische Intellektuelle, die mit Ionesco, Zuckmayer und Gombrowicz befreundet waren, suchten für ihren quirligen, übersprudelnden Sohn, der ständig an seinen Locken herumzwirbelte, einen passenden Ort. Intendant Boy Gobert spürte das Talent und die Neugier, besetzte Luc Bondy aber erst einmal im Kinderstück, „Klaus Klettermaus im Hackebacke-Wald“, wo der immer verliebte Luc im Mäusekostüm versuchte, junge Schauspielerinnen zu beeindrucken. Was ihm gewiss gelang. Inszenieren durfte er das erste Mal in der „Fabrik“, dort brachte er Genets „Die Zofen“ heraus. Und seine Freundin hieß Barbara Sukowa.

nfang der Siebzigerjahre überzeugte Luc Bondy mit Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ am Deutschen Schauspielhaus, inszenierte in München Bonds „Die See“, wurde zum Theatertreffen eingeladen und im Alter von 25 Jahren bereits als Genie tituliert. Wach und mitfühlend galt seine scharfe Beobachtung innerfamiliären Konflikten und Affekten. Bondy inszenierte nie viel, aber das, was er in Frankfurt, Hamburg, an der Berliner Schaubühne zeigte, Stücke wie Ibsens „Gespenster“, Marivaux‘ „Man spielt nicht mit der Liebe“, Schnitzlers „Liebelei“ oder Molières „Tartuffe“, waren berauschende Ereignisse.

1979 debütierte er an der Hamburgischen Staatsoper mit „Lulu“ und Anja Silja in der Titelrolle. 1979 drehte Bondy seinen ersten Film, „Die Ortliebschen Frauen“. 1998 veröffentlichte er sein erstes von vier Büchern. Bondy war ein leidenschaftlicher Leser und Schreiber. Der größte Teil seiner Arbeit galt dem Theater, wo er auch Leitungsfunktionen einnahm, etwa an der Berliner Schaubühne und von 1998 – 2013 bei den Wiener Festwochen. Zuletzt war er Intendant am Pariser „Théâtre de l’Odéon“. Bei den Wiener Festwochenpremieren zeigte sich Österreichs hohe Politik, in Paris das „Who is Who“ der französischen Kultur.

Eine kleine Szene sei zum Schluss erzählt: Bondy inszenierte „John Ga­briel Borkman“ mit Michel Piccoli. Diesem gelang es fesselnd, die Liebe zu einer Frau darzustellen, während er sich nach einer anderen verzehrte. Mit dem Rücken zum Publikum. Ja, so etwas konnte Luc Bondy inszenieren. Es gibt keinen mehr wie ihn.

 

Zum Tod von Luc Bondy
Prix de l’Académie de Berlin 2014
ein Nachruf von Armgard Seegers-Karasek